Die Farbe Grün – nachhaltige Klischees

Geht es um Bio, Öko und Natur, wird uns grün vor Augen. Die Verwendung  grüner Farbtöne scheint obligatorisch, wenn es darum geht, ökologische oder Nachhaltigkeitsthemen zu kommunizieren. Dazu gesellen sich dann noch gern erdige Farben in allen Schattierungen. Der Gang durch den Bioladen war früher ein Weg durch eine überwiegend beige-grüne Welt. Im normalen Supermarkt nimmt sich das Bio-Regal bisweilen wie eine farblich eingeschränkte Nische in der schreiend bunten Warenwelt aus. Allerdings: Seit Bio zunehmend Mainstream wird, ändert sich etwas – es wird auch hier neuerdings mehr Buntes gesichtet.

Anwälte und IT-Firmen lieben Blau und Grau, allenfalls noch Burgunderrot – das signalisiert Seriosität. Baumärkte knallen gern mit Orange. Bei Blaugelb assoziieren wir Schwedisches, früher warb damit auch so eine kleine Partei, wie hieß sie gleich noch mal… ;) Bayerische Herkunft wird himmelblau-weiß signalisiert. Orange und Gelb: Sonnenstudios und Sonnenschutzcreme. Geht es um Liebe und Erotik, muss Rot, Pink oder Violett her… und so weiter. Psychologische, kulturelle und symbolische Bedeutungen von Farben sind tief verwurzelt, und die Werbung bedient gern die Erwartungen. Einfallslos? Ja, aber wirksam…! Es sieht halt immer ein wenig mehr nach »öko« aus, wenn etwas grün daherkommt. Oder?

Durch die Farbwahl allein wird nichts nachhaltig. Zum Glück und dank Internet kann sich heute jeder über alles informieren: Ob ein Unternehmen oder ein Produkt hält, was es verspricht und in der Werbung behauptet, kann leicht überprüft werden. Greenwashing fliegt schnell auf, Unternehmen und ihre Produkte und Dienstleistungen müssen mehr als nur grüne Optik bieten, um glaubwürdig zu sein.

Als Gestalterin finde ich es langweilig, sich in Verbindung mit diesem Thema  farblich einzuschränken. Die Natur kennt Millionen Farben. Nachhaltiges (Grafik-)Design darf durchaus in anderen Farbklimata unterwegs sein und die »grünen Klischees« verlassen. Zumal Nachhaltigkeit ja nicht allein ökologische, sondern auch soziale und wirtschaftliche Aspekte umfasst.

Maigrün apfelgrün waldgrün jägergrün smaragdgrün quietschgrün flaschengrün neongrün lindgrün resedagrün pastellgrün laubfroschgrün… Grün hat viele Schattierungen. Grün ist nach Blau und Rot die liebste Farbe der Deutschen. Wer Grün nicht mag, versteht unter einem »typischen« Grün einen trüben dunklen Farbton – die Grünliebhaber verbinden damit eher ein leuchtend-strahlendes Grün. Ich habe mal zusammengetragen, wofür Grün so alles steht. Es überrascht vielleicht, dass Grün wie wenige andere Farben zum Teil mit völlig gegensätzlichen Bedeutungen besetzt ist:

Grün ist Leben, Natur und Frühling. Wald und Wiese, Golfplatz, Gemüse, gesunde Lebensmittel und Kosmetik. Pflanzenwachstum und Fruchtbarkeit, das weibliche Prinzip (Yin), in China steht Grün auch für ein langes Leben und Barmherzigkeit. Grün ist die Hoffnung. Grün ist die Frische, es steht auch für herb und sauer.
Grün ist die Farbe beginnender Liebe, der Unreife und der Jugend. In der mittelalterlichen Minnedichtung und in vielen Volksliedern steht Grün für erwachende Sympathie und gute Gefühle. »Jemand nicht grün sein«: Jemand nicht leiden können. Reifeprozesse bei Früchten und Beeren laufen von Grün über Gelb nach Rot oder Blau. Das Laub der Bäume wandelt sich im Laufe eines Jahres von frischem Grün zu herbstlichem Rotbraun. Ein grüner Junge, ein Grünschnabel, ein Greenhorn ist einer mit unreifen Ansichten oder ein Anfänger. Grünes Obst und grüner Wein sind noch zu jung zum Genießen.
Grün ist die heilige Farbe des Islam.
Grün war Mohammeds Lieblingsfarbe. In einer kargen Wüstenlandschaft steht Grün für Üppigkeit, materielles und geistiges Wohl.
Grün ist im Christentum die Symbolfarbe des Heiligen Geistes. Papst Pius V. legte 1570 Weiß, Rot, Violett und Grün als liturgische Farben fest. Grün ist die Farbe von priesterlichen Gewändern und Altardecken an gewöhnlichen Sonntagen.
Grün sind das Giftige und Ungenießbare, der Teufel und Drachen. In der Malerei galt das Smaragdgrün lange als das schönste Grün – es wurde aus in Arsen gelöstem Kupfergrünspan gewonnen, beides giftige Substanzen, die früher in fast allen grünen Farbstoffen enthalten waren. Grüngelbe Flüssigkeiten enthalten meist giftiges Chlor. – Seit der Romantik wird der Teufel als Jäger armer Seelen im grünen Gewand dargestellt. Drachen und Dämonen erscheinen in unserer Kultur gern grün oder wenigstens grünäugig, ebenso wie Nixen und außerirdische Wesen.
Grüne Kleidung: zwischen billig und extravagant. In früheren Zeiten waren Grün und Braun die Kleidungsfarben der einfachen Leute. Grün galt als billig (denn die pflanzengefärbten Stoffe behielten ihre Farbe nicht lange) und war keine noble Farbe, denn im abendlichen Kerzenlicht wirkten grüne Festgewänder blass und bräunlich. Heute gibt es haltbare Textilfarben, aber Grün erscheint je nach eingefärbtem Material anders: Grüne Seide kann ausgefallen bis ordinär aussehen, grüne Baumwolle billig und bieder wirken!
Grün ist die beruhigende Mitte. Blau ist die kühle Ferne und eine passive zurückhaltende Farbe, Rot dagegen aktiv und springt uns an. Grün hat eine angenehme mittlere Temperatur, wirkt neutral, beruhigend und sicher.
Grün symbolisiert freien Durchgang. Grüne Ampeln, grün markierte Notausgänge. Grün hat sich in vielen Bereichen als funktionale Farbe durchgesetzt.
(Literatur: Eva Heller, Wie Farben wirken, 1989 Rowohlt)

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