Zeitlose Designprinzipien aus Japan:
Wabi Sabi

BlattgerippeDas Thema passt gut zum beginnenden Herbst: Wabi Sabi – ein ästhetisches Konzept, das aus Japan und dem Zen-Buddhismus stammt.

Wabi Sabi ist keine Kunstrichtung, sondern eine Haltung, eine Wahrnehmungsweise, eine bestimmte Art, die Dinge zu sehen. »Wabi Sabi bezeichnet
• die Schönheit unvollkommener, vergänglicher und unvollständiger Dinge,
• die Schönheit anspruchsloser und schlichter Dinge,
• die Schönheit unkonventioneller Dinge.« (Leonard Koren)

Die Schlichtheit, der Sinn für klare Proportionen und subtile Materialwahl, die traditionelle japanische Rituale, Literatur, Kunst und Kunsthandwerk (z.B. Keramik, Innenarchitektur, Gärten, Haiku) kennzeichnen, verdanken sich dem Wabi Sabi.

Gegenstände mit Wabi-Sabi-Qualitäten sind einfach, bescheiden, unprätentiös und leise, wirken wie nebensächlich und unbeabsichtigt. Niemals ist Wabi Sabi laut, pompös, grell, knallig. Wabi Sabi erscheint in der Natur als auch in von Menschen gemachten Gegenständen – dort kommt Wabi Sabi zum Beispiel in Gebrauchsspuren zum Ausdruck: im Abgewetzten, Angeschlagenen, in Dingen mit Patina wie Rost oder verwaschenen Farben.
Wabi-Sabi-Gegenstände besitzen trotzdem Präsenz, Autorität und melancholische Schönheit. Sie verweisen auf »die Wertschätzung der Vergänglichkeit des Lebens als Aufforderung zu einem erfüllten Leben in Harmonie mit der Natur« (Andreas Hurni).

Heute trachtet man danach, sich mit makellosen Konsumgütern zu umgeben. Das signalisiert Wohlstand und grenzt ab vom Ärmlichen. Moden wechseln immer schneller, Produkte veralten rascher und müssen in immer kürzeren Intervallen ausgetauscht werden. Die Wirtschaft freut’s, der Konsumgüter-Index GfK geht in die Höhe, die Müllberge wachsen.
Wabi Sabi lehrt uns einen anderen Blick. Seine Haltung verträgt sich bestens mit dem modernen Nachhaltigkeitsgedanken.
Wabi Sabi kann heute bedeuten: Anderes Design, anderer Umgang mit den Dingen. Weniger Angst vor dem Unperfekten, mehr Mut zum Bescheidenen, weniger Wegwerfmentalität, mehr Achtsamkeit, bewussterer Konsum, mehr Gelassenheit im Umgang mit den Dingen und ihrer Vergänglichkeit.

Der Begriff Wabi Sabi geht auf den Teezeremonie-Meister und Mönch Sen no Rikyu (16. Jahrhundert) zurück. Eine Anekdote erzählt, dass er einmal einen Garten aufräumte und den Boden mit dem Rechen harkte, bis alles vollkommen und ordentlich aussah. Er betrachtete seine Arbeit, dann schüttelte er den Kirschbaum, sodass ein paar Blüten wie zufällig auf den Boden fielen.
Eine schöne Geschichte.
Wenn doch auch deutsche Gärtner mehr von Wabi Sabi wüssten…


Weiterlesen

Gute Einführung in das Thema: Leonard Koren, Wabi-Sabi für Künstler, Architekten und Designer. Japans Philosophie der Bescheidenheit. Wasmuth, Tübingen 2000, ISBN 3-80303-064-1
Ein wunderschöner Bildband über traditionelle und moderne japanische Kunst, Literatur und Fotografie: Sandrine Bailly, Japan. Die Harmonie der Stille, dt. Ausgabe bei Knesebeck, München 2009, ISBN 978-3-86873-124-8
Tanizaki Jun’ichiro, Lob des Schattens. Entwurf einer japanischen Ästhetik, Manesse Verlag, Zürich 2002, ISBN 3-7175-4039-4. In diesem schmalen Essay geht es um den Umgang mit Farbe, Licht und Schatten in Räumen. »Tanizaki erstellt die sinnliche Entwicklung einer japanischen Ästhetik zum Zeitpunkt ihres allmählichen Verschwindens im 20. Jahrhundert. Indem er den Blick stets zugleich auf den Osten und den Westen richtet, schärft der Autor den Sinn für die Unterschiede beider Kulturen.« (Andreas Hurni)
Der Fotograf Andreas Hurni erklärt Wabi Sabi und seine spirituellen Hintergründe sehr ausführlich auf seiner Website.

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