Der Brockhaus ist am Ende. (K)ein Nachruf.

Oh no!!! Someone threw away wikipedia!!!Letzte Woche ist eingetreten, was längst zu erwarten war: Der Brockhaus ist gestorben. Bertelsmann hat über sein Tochterunternehmen inmediaONE bekanntgegeben, dass ab Mitte 2014 der Direktvertrieb (ja, den gibt’s immer noch!) des 24-bändigen Lexikons eingestellt und Online-Aktualisierungen nur noch sechs Jahre weitergeführt werden.

Frühe Visionen von Freiheit durch Wissen
Frank Dopheide beschreibt auf Handelsblatt.com, wie das bildungsbürgerliche Statussymbol in den letzten zwanzig Jahren zum verstaubten Produkt wurde, das niemand mehr will, weil es zu groß, zu schwer, zu teuer, zu unmodern und zu unflexibel geworden ist – was aber bei den Machern niemand hat sehen wollen. Das ist tragisch, denn es ist schließlich nicht so, dass niemand mehr an Wissen interessiert ist. Im Gegenteil, der Durst nach gesicherten Informationen wächst ständig. »Wir ertrinken in Informationen, aber wir hungern nach Wissen«, sagte der amerikanische Zukunftsforscher John Naisbitt.

1751 erschien der erste Band der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, herausgegeben von Denis Diderot. Dieses Werk war quasi die Mutter aller modernen Lexika. Die Vorstellung, das Wissen der Welt zu sammeln, »objektiv« festzuschreiben und jedermann zur Verfügung zu stellen, war ein Kind ihrer Zeit – der Aufklärung. Eine revolutionäre Idee voller Utopie und demokratischen Anspruchs. Diderot schrieb über die Encyclopédie: »Dieses Werk wird sicher mit der Zeit eine Umwandlung der Geister mit sich bringen, und ich hoffe, dass die Tyrannen, die Unterdrücker, die Fanatiker und die Intoleranten dabei nicht gewinnen werden. Wir werden der Menschheit gedient haben […]« (Quelle: Wikipedia). Das klingt fast wie die moderne Vision vom »demokratischen und freiheitlichen Internet«, oder?

Gewaltige, teure Enzyklopädien konnten sich aber nur gutbetuchte Bürger leisten. Auch in den 1980er Jahren fand ein Werk wie der Brockhaus seinen Weg in nur wenige Haushalte, denn er kostete stattliche 2.000 € – das war für die meisten Familien Wissens-Luxus. Auch bei uns gab’s in meiner Kindheit kein Lexikon – so etwas blieb für ein lesehungriges Kind wie mich der Wunschtraum vom allumfassenden, spannenden, bunten Mega-Buchwissen. Vor knapp zwei Jahren habe ich hier übrigens schon mal etwas darüber und über eBooks geschrieben.

Die Medien sind andere, aber Wissen ist immer noch Macht
Und heute? Über Computer und Smartphones stehen alle Fakten scheinbar überall und jederzeit zur Verfügung. Die Zeiten eines von oben herab diktierten und festgeschriebenen Wissenskanons sind vorbei: Was relevant ist, wird von jedem anders definiert. Wissen ist heute auch nicht mehr ganz so einfach kanalisierbar und beherrschbar wie früher, es wird heute schneller geteilt und verbreitet. Andererseits war es aber auch noch nie so einfach, Fakten zu entstellen, zu verzerren, zu filtern und zu zensieren – und dies dann wiederum aufzudecken. Der Umgang mit Informationen erfordert heute beinahe mehr Kompetenz von uns als früher: Wie die korrekten Informationen aus dem Strom herausfiltern? Wie die Zuverlässigkeit der Quellen erkennen? Wie die Absichten hinter den Informationen verstehen?
Klassische Nachschlagewerke sind tot, das Internet wächst weiter. Wissen (bzw. der Gebrauch des Wissens) ist immer noch Macht, wahre Objektivität ein unerreichbares Ideal – daran hat sich nichts geändert. Das Medium kann nicht dafür, wie mit den Fakten umgegangen wird – aber zweifellos verändert jedes Medium der Wissensverbreitung die Welt.

Foto: commons.wikimedia.org

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