Mein Lexikon, das Fontbook als iPad-App und Harry Rowohlt

Wünsche sind hartnäckig und halten sich. Als Kind war einer meiner großen Wünsche ein richtiges Lexikon: Die ganze Welt, in Begriffen sortiert von A bis Z. Bei einer Großtante durfte ich immer in einem alten Kinderlexikon ihres Nachwuchses blättern, aus den späten fünfziger Jahren, mit detailfreudig ausgearbeiteten Illustrationen, alles immer schön alphabethisch sortiert, jedes neue Buchstabenkapitel begann mit einem großen Initial. Ich liebte es, darin zu lesen und die Bilder zu bestaunen: Feuerwehr, Bauernhof, das Meer, eine ganzseitige Afrika-Karte als Wimmelbild… Ein eigenes Lexikon in genau dieser Form bekam ich als Kind nie, und deshalb konnte ich nicht widerstehen, als mir Jahre später ein Werbebrief ins Haus flatterte: die 26-bändige Brockhaus-Enzyklopädie, Lederrücken, Goldprägung, das Weltwisssen mit unbestechlicher Genauigkeit und in Luxusausstattung dokumentiert, tausende von Bildern, Karten. Alles in bequemen monatlichen Raten zu erwerben, sogar für mich als Studentin erschwinglich. Ich kaufte das opus magnum. Das war Mitte der achtziger Jahre, das Internet noch weit weg – zumindest in unserem Alltag.
Heute steht das Lexikon ganz oben auf dem Bücherregal. Neulich habe ich zum ersten Mal seit ewig langer Zeit mal wieder etwas darin nachgeschlagen – an einem Sonntag vor ein paar Wochen, aber auch nur, weil der Computer gerade ausgeschaltet war und ich ihn deswegen nicht hochfahren wollte. Ich fand meinen Suchbegriff, stieß auf einen Querverweis, musste den Band ins Regal zurückstellen, vom Rollhocker klettern, ihn um 45 cm verschieben, wieder hochsteigen und an anderer Stelle einen anderen der dicken Bände, eines dieser Meisterwerk der Satz- und Buchdruckerkunst, aus dem Regal wuchten und konnte endlich meine Wissenslücke schließen.

Schnitt. Am 21.7. ist das neue Fontbook erschienen, erstmals nicht als für uns Grafiker unverzichtbares gedrucktes kiloschweres Kultobjekt, sondern als iPad-App. Die Typographen-Gemeinde reagiert überwiegend begeistert, einige auch kritisch-ablehnend – die Diskussion kann man auf dem Fontblog verfolgen. Der Hauptkritikpunkt besteht wohl darin, dass Designer davon angenervt sind, plötzlich ein iPad kaufen zu müssen. Das geht mir auch so, denn – so schön ich das iPad finde – ich brauche es derzeit nicht und will erstmal keins kaufen. Aber das Fontbook soll ja auch irgendwann als Mac-App erscheinen.
Die Entscheidung pro-App und kontra-Print des FontShops ist auf jeden Fall richtig, die Argumente dafür sind überwältigend. Wie Jürgen Siebert vollkommen richtig feststellt, profitieren Nachschlagewerke  am meisten von Interaktivität und den Möglichkeiten, die das iPad bietet. Wie wunderbar, mit Klicks bzw. Fingertipps von einem Stichwort oder Bild zum nächsten zu springen – ohne tonnenweise Papier zu bedrucken. Alles kann laufend aktualisiert werden – ohne tonnenweise Papier als veraltet dem Recycling zu übergeben. Das ist intelligent, zeitgemäß und nachhaltig.

Alles was linear gelesen wird, Romane zum Beispiel, wird wohl weiterhin als Buch überleben. Wahrscheinlich werden Devices wie das iPad langfristig aber auch unsere Lesegewohnheiten verändern – und irgendwann vielleicht sogar die Art, wie Romane geschrieben werden: Wie wäre es, wenn z.B. verschiedene Zeitebenen eines Romans plötzlich durch Fingertipps erreicht werden? Ich bin gespannt, wann die ersten Romane erscheinen, die eigens für das iPad und dessen Möglichkeiten verfasst wurden. Wir stehen erst am Anfang des E-Books.

Der von mir sehr geschätzte Harry Rowohlt hat 2009 in einem Interview gesagt: »Ich find‘ Bücher albern, die man in der Sonne nicht lesen kann und bei denen die Batterie aufgeladen werden muss und was man sonst alles beachten muss und die man nicht mit in die Badewanne und an den Strand nehmen kann. Ich halte das Buch für das Medium der Zukunft.«
Das Buch wird uns sicher noch eine ganze Weile begleiten. Und wenn wir eins gelesen haben, können wir es anderen Lesern zur Verfügung stellen, es muss ja nicht im Regal verstauben: das Buch weiterschenken oder einfach irgendwo liegenlassen. In organisierten Netzwerken wie Bookcrossing kann man Bücher »freilassen« und mit etwas Glück ihren Weg verfolgen. Auch eine Form von Nachhaltigkeit. Warum machen eigentlich nicht viel mehr Verlage in ihren Büchern darauf aufmerksam?

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